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FaMI - Fachrichtung, Archiv

WISSENSCHAFLICHE ARCHIV BEITRÄGE

Abb. 1 Bild von Sabine Kroschel auf Pixabay. Quelle: https://pixabay.com/de/users/pixaline-1569622

Die untenstehenden Beiträge veröffentliche ich in Zusammenarbeit mit dem jeweils angegeben Autor aus dem wissenschaftlichen Archiv des Institutes für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg.

Schaufensterreihe IGPP-Archiv #Nr. 9 Veröffentlicht am (04.02.2023)

Schaufenster_NF#9_01_23
Beschreibung des Schaufensters NF9 01/2023
Schaufenster_NF#9_01_23.pdf (119.24KB)
Schaufenster_NF#9_01_23
Beschreibung des Schaufensters NF9 01/2023
Schaufenster_NF#9_01_23.pdf (119.24KB)

GERDA UND DER KOSMIKER

Autor: Uwe Schellinger

Abb. 1 Archivale_NF9_01_23 Schreiben von Karl Wolfskehl an Gerda Walther vom 6.10.1930 Abb. 1 Archivale_NF9_01_23 Schreiben von Karl Wolfskehl an Gerda Walther vom 6.10.1930 (Archiv des IGPP, 10/6_24)

Die aus dem Schwarzwälder Kurort Nordrach stammende Dr. Gerda Walther (1897-1977) kann als die wohl einflussreichste weibliche Vertreterin der Parapsychologie im 20. Jahrhundert aus Deutschland gelten. Zudem wird die Husserl-Schülerin und Phänomenologin inzwischen verstärkt im Kontext der Philosophiegeschichte beachtet. Unter den zahlreichen Bekannten der enorm fleißigen Autorin und rührigen "Netzwerkerin" findet sich mit Karl Wolfskehl (1869-1948) einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Schriftsteller der Moderne. Wolfskehl, der vor allem als Exilliterat eine große Bedeutung hat, gehörte zum berühmten Münchner Intellektuellenkreis der sogenannten "Kosmiker" um Stefan George und Ludwig Klages. Walther lernte Wolfskehl kennen, nachdem sie 1928 nach München gezogen war, um für Albert von Schrenck-Notzing zu arbeiten. Man begegnete sich auf einem der rauschenden Münchner-Faschingsfeste, auf den Wolfskehl allgegenwärtig war. Walther ließ Wolfskehl 1929 einen ihrer philosophischen Aufsätze zur Beurteilung zukommen. Der im Archiv des IGPP aufbewahrte (leider unvollständige) Schriftwechsel deutet darauf hin, dass es in der Folge zu einem regen Austausch zwischen Walther und Wolfskehl gekommen ist, der auch Themen des wissenschaftlichen Okkultismus beinhaltete. Offensichtlich erhoffte sich die Wissenschaftlerin in diesen Jahren der eigenen beruflichen Unsicherheit die Unterstützung durch den weiterhin bekannten, fast dreißig Jahre älteren Schriftsteller - sowie einen Kontakt zum bewunderten Stefan George. Karl Wolfskehl hingegen scheint eher an privateren Begegnungen interessiert gewesen zu sein. Demzufolge zog sich Walther, merklich enttäuscht von Wolfskehls mangelnder Hilfsbereitschaft, nach einiger Zeit von dem berühmten Bohémien zurück. Karl Wolfskehl flüchtete nach dem Machtantritt der Nazis 1933 in die Schweiz, dann nach Italien und schließlich 1938 nach Neuseeland. In ihrer 1960 publizierten Autobiographie Zum anderen Ufer erwähnt Gerda Walther auch ihre Bekanntschaft zu dem "Kosmiker" mit einigen Zeilen.

Abb. 2. Gerda Walther (1897–1977) Abb. 2. Gerda Walther (1897–1977)
Abb. 3. Karl Wolfskehl (1869–1948) Abb. 3. Karl Wolfskehl (1869–1948)
Visitenkarte von Karl Wolfskehl Abb. 4. Visitenkarte von Karl Wolfskehl: Wolfskehl und seine Familie hatten seit 1915 einen weiteren Wohnsitz in Kiechlinsbergen am Kaiserstuhl (Archiv des IGPP, 10_6_24)
Autobiographie „Zum anderen Ufer“ von Gerda Walther Abb. 5. Autobiographie „Zum anderen Ufer“ von Gerda Walther (1960) (Archiv des IGPP, Bestand 20_30)

Im IGPP ausgestellte Objekte:

Karl Wolfskehl/München an Gerda Walther/München 06.10.1930

(Archiv des IGPP, 10/6_24)

Gerda Walther (1897-1977)

(unbekannte:r Fotograf:in, Historischer Verein Nordach e.V.)

Karl Wolfskehl (1869-1948)

(Foto: Theodor Hilfsdorf, Münchner Stadtmuseum)

Visitenkarte von Karl Wolfskehl (Sept. 1929)

(Archiv des IGPP, 10/6_24)

Gerda Walther: Zum anderen Ufer.

Vom Marxismus und Atheismus zum Christentum, Remagen (Otto Reichl Verlag), 1960

(Archiv des IGPP, Bestand (20/30)

Objekte_NF#9_01_23
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#9_01_23.pdf (60.23KB)
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Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
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Dem obigen Text liegt die nachfolgende Quelle zugrunde:

https://www.igpp.de/archiv/schaufenster_ins_archiv.htm#gerdaundderkosmiker

Literatur:

Heinrich Eppe: Gerda Walther (1897-1977) - ihr zweifacher Weg "aus dem Dunkel zum Licht", in: J. Baumgartner/B. Wedemeyer-Kolwe: Aufbrüche - Seitenpfade - Abwege, Suchbewegungen und Subkulturen im 20. Jahrhundert. Festschrift für Ulrich Linse, Würzburg 2004, 91-97.

Rodney K. B. Parker: Gerda Walther (1897-1977): A: Sketch of Life, in A: Calcagno: Gerda Walther's Phenomenology of Sociality, Psychology, and Religion , CH-Cham 2018, 3-9.

Schaufensterreihe IGGP-Archiv #Nr. 8 Veröffentlicht am (31.12.2022)

Schaufenster_NF#8_11_22
Beschreibung des Schaufensters NF8 11/2022
Schaufenster_NF#8_11_22.pdf (116.28KB)
Schaufenster_NF#8_11_22
Beschreibung des Schaufensters NF8 11/2022
Schaufenster_NF#8_11_22.pdf (116.28KB)

DER SEHER VOM KINZIGTAL

Autor: Uwe Schellinger

Ansicht Schwerkriegsbeschädigtenausweis Bernhard Bischler, 1958 Abb. 1. Schwerkriegsbeschädigtenausweis von Bernhard Bischler, 1958 (Archiv des IGPP, 10_16_1)

Bernhard Bischler (1884-1965) aus dem kleinen Schwarzwaldort Fußbach im Tal der Kinzig (Ortenaukreis) hatte seit Mitte der 1940er Jahre für die beiden folgenden Jahrzehnte eine besondere Funktion für die Bevölkerung der Talregion. Für viele wurde Bischler zu einer wichtigen Ansprechperson, wenn es darum ging, verschwundene Objekte oder entlaufene Tiere wiederzufinden, Informationen über vermisste Angehörige zu erhalten oder auch Diebstähle aufzuklären. Bischler, der aufgrund einer Verletzung aus dem ersten Weltkrieg stark gehbehindert war und zudem zunehmend erblindete, galt wegen seiner ihm zugeschriebenen paranormalen Fähigkeiten als der "Seher vom Kinzigtal". Täglich empfing er Ratsuchende aus der näheren oder weiteren Umgebung. 1954/1955 stand Bischler auch in Kontakt mit dem IGPP und Hans Bender, von dem er sich eine Bestätigung für seine hellseherischen und präkognitiven Fähigkeiten erhoffte. Dazu ließ er Bender einige positive Bestätigungsschreiben von Hilfesuchenden zukommen.

Bestätigungsschreiben von Hans Bender, August 1954 Abb. 2. Bestätigungsschreiben über die Fähigkeiten von Bernhard Bischler, August 1954 (Archiv des IGPP, E_23_1010)

Neben seiner Funktion als paranormaler Ratgeber im Alltagsangelegenheiten verkündete Bischler bei einigen spiritistischen Sitzungen zahlreiche, zumeist religiös ausgestaltete Neu-Offenbarungen. Bischler, behauptete, im Trancezustand mit verstorbenen prominenten Personen aus der (Religions) Geschichte in Kontakt treten zu können - so etwa mit dem Hl. Joseph, mit dem ein oder anderen Papst oder auch mit Albert Einstein.

Aufgeschlagenes Heft über Aufzeichnungen medialer Durchsagen Abb. 3. Heft mit handschriftlichen Aufzeichnungen medialer Durchsagen von Bernhard Bischler (hier der Hl. Josef), November 1944 (Archiv des IGPP, 10_6_4)
Maschinenschriftliche Transkripte medialer Durchsagen Abb. 4. Maschinenschriftliche Transkripte medialer Durchsagen von Bernhard Bischler, 1954–1958 (Archiv des IGPP, 10_6_15)

Der "Seher vom Kinzigtal" kann als Beispiel für viele ähnlich verfasste Biographien gelten, die man aus dem ländlichen Kontext kennt: Hellseher, personale Medien, Wunderheiler - außergewöhnliche Instanzen im dörflichen Zusammenhang und oft durchaus von Bedeutung für dessen Gefüge. Dennoch geriet Bernhard Bischler nach seinem Tod im April 1965 bald völlig in Vergessenheit. Seit 2005 befinden sich als Schenkung aus dem Familienumfeld größere Teile von Bischlers Nachlass, darunter mehrere Hundert Aufzeichnungen und Transkripte der durch ihn vermittelten vermeintlichen Botschaften aus Jenseits, als eigener Bestand im IGPP.

Im IGPP ausgestellte Objekte:

Schwerkriegsbeschädigtenausweis von Bernhard Bischler (1958)

(Archiv des IGPP, 10/16_1)

Bestätigungsschreiben über die Fähigkeiten von Bernhard Bischler mit Versandkuvert an Hans Bender (August 1954)

(Archiv des IGPP, E/23_1010)

Heft mit handschriftlichen Aufzeichnungen medialer Durchsagen von Bernhard Bischler (hier der Hl. Josef) (November 1944)

(Archiv des IGPP, 10/6_4)

Maschinenschriftliche Transkripte medialer Durchsagen von Bernhard Bischler (1954-1958)

(Archiv des IGPP, 10/6_15)

Objekte_NF#8_11_22
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#8_11_22.pdf (55.89KB)
Objekte_NF#8_11_22
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#8_11_22.pdf (55.89KB)

Dem obigen Text liegt die nachfolgende Quelle zugrunde:

https://www.igpp.de/archiv/schaufenster_ins_archiv.htm#dersehervomkinzigtal

Literatur (in Auswahl):

Eva Magin-Pelich: Seher und Lebensberater: Bernhard Bischler, in Gengenbacher Blätter 2007, 22-23.

Uwe Schellinger: Integrierte Außenseiter. Bernhard Bischler (1884-1965), der "Seher vom Kinzigtal", in A. Morgenstern/U. Scherb (Hg.): Leben am Rand ?! Geschichten aus Südbaden (Lebenswelten im ländlichen Raum - Historische Erkundungen in Mittel- und Südbaden 6), Heidelberg u.a. (verlag regionalkultur) 2020, 75-100.

Schaufensterreihe IGPP-Archiv #Nr. 7 Veröffentlicht am (13.11.2022)

Schaufenster_NF#7_08_22
Beschreibung des Schaufensters NF7 08/2022
Schaufenster_NF#7_8_22.pdf (148.11KB)
Schaufenster_NF#7_08_22
Beschreibung des Schaufensters NF7 08/2022
Schaufenster_NF#7_8_22.pdf (148.11KB)

RUNENSTEIN UND HERDEFEUER

Autor: Uwe Schellinger

Abb.1 Zeitschrift 'Der Runenstein' (Herbst 2006, Heidnische Gemeinschaft e.V.) Cover der Zeitschrift "Der Runenstein" (Herbst 2006, Heidnische Gemeinschaft e.V.) (Archiv des IGPP, Bestand 40/15/19_3)

Das von der DFG finanzierte Forschungsprojekt Inszenierung der "Germanischen" im Neuheidentum der Gegenwart (2006-2009) war eines der zahlreichen Projekte, die innerhalb der von 2002 bis 2013 im IGPP bestehenden Abteilung. "Empirische Kultur- und Sozialforschung" durchgeführt wurden. Mit einer daraus resultierenden Dissertation (2010) des Soziologen René Gründer sowie einer Reihe weiterer Einzelpublikationen generierte dieses Projekt außerordentlich viele wissenschaftliche Erträge. Vorbereitet wurde es durch Gründers Magisterarbeit mit dem Titel Identität - Gemeinschaft - Naturverbundenheit. Symbolische Strukturen ethnokultureller Alternativreligion (2005).

Im Zentrum des Gesamtprojektes stand die religionsethnographische Untersuchung sogenannter germanisch-neuheidnischer Gruppen im deutschsprachigen Raum. Die untersuchten Gruppen, oft in Vereinsform organisiert, unterhielten unter anderem eigene Zeitschriften oder Schriftenreihen. Eine kleine dem IGPP überlassene Sammlung (Bestand 40/15/19) beinhaltet entsprechende Druckschriften, die von Gründer während seiner Forschungen zusammengetragen wurden wie die Zeitschriften "Der Runenstein" und "Herdefeuer" oder Verlagsprospekte des "Arun-Verlages".

Belegt sind hier neben esoterischen, "germanischen" ökospirituellen Inhalten die Überschneidungen mit neurechten oder explizit völkischen Weltanschauungen und somit durchaus als problematisch einzuschätzende Positionen. Die überlieferte Sammlung zeigt, dass im Zusammenhang mit Forschungsprojekten nicht nur die eigentlichen wissenschaftlichen Unterlagen, sondern auch begleitende Materialsammlungen von archivwürdigem Interesse sein können. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich wie im Falle des Germanischen Neuheidentums um Erzeugnisse und Präsentationen sozialer Gruppen handelt, die in sich geschlossen, kaum zugänglich oder gesellschaftlich marginalisiert sind.

Im IGPP ausgestellte Objekte:

Zeitschrift "Der Runenstein" (Herbst 2006)
Heidnische Gemeinschaft e.V., Berlin

(Archiv des IGPP, 40/15/19_3)

Prospekte des "Arun-Verlags" – Verlag der Traditionen und Kulturen (2000-2006)
Uhlstädt-Kirchhasel

(Archiv des IGPP, 40/15/19_7)

Dissertation von René Gründer:
"Blótgemeinschaften – eine Religionsethnografie des‚ germanischen Neuheidentums" (Würzburg: Ergon, 2010)

(Archiv des IGPP, Bestand 20/11)

Zeitschrift „Herdfeuer“ (H. 3, 2. Jg. 2006)
Der Eldaring e.V., Kiel

(Archiv des IGPP, 40/15/19_1)

Magisterarbeit von René Gründer:
„Identität – Gemeinschaft – Naturverbundenheit. Symbolische Strukturen ethnokultureller Alternativreligion“
(Universität Freiburg, Wintersemester 2004/2005, 2 Bde.)

(Archiv des IGPP, 40/1_166)

Objekte_NF#7_08_22
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#7_8_22.pdf (62.14KB)
Objekte_NF#7_08_22
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#7_8_22.pdf (62.14KB)

Dem obigen Text liegt die nachfolgende Quelle zugrunde:

https://www.igpp.de/archiv/schaufenster_ins_archiv.htm#runensteinundherdenfeuer

Literatur (in Auswahl): 

René Gründer: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland. Entstehung, Struktur und Symbolsystem eines alternativreligiösen Feldes, Berlin 2008.

René Gründer: Traditionen des germanischen Heidentums in der Moderne. In: Gnostika 42 (2009) 35-46.

René Gründer: Blótgemeinschaften. Eine Religionsethnografie des 'germanischen Neuheidentums', Würzburg 2010.

René Gründer: Religiöse Beheimatungsversuche. Germanischgläubiges Neuheidentum als Ausdruck spiritueller Glokalisierung, in: M. Seifert (Hg.): Zwischen Emotion und Kalkül. 'Heimat' als Argument im Prozess der Moderne (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 35), Leipzig 2010, 219-230.

René Gründer/Michael Schetsche/Ina Schmied-Knittel (Hg.): Der andere Glaube. Europäische Alternativreligionen zwischen heidnischer Spiritualität und christlicher Leitkultur, Würzburg 2009.

Gerhard Mayer/René Gründer: Coming Home or Drifting Away - Magical Practice in the 21th Century. Ways of Adopting Heterodox Beliefs and Religious World Views, in: Journal of Contemporary Religion 25 (2010) H. 3, 395–418.

Gerhard Mayer/René Gründer: The Importance of Extraordinary Experiences for Adopting Heterodox Beliefs or an Alternative Religious Worldview. Journal of the Society for Psychical Research, 75 (2011) Nr. 1, 14–25.

Schaufensterreihe IGPP-Archiv #Nr. 6 Veröffentlicht am (19.03.2022)

Schaufenster_NF#6_03_22
Beschreibung des Schaufensters NF6 03/2022
Schaufenster_NF#6_3_22.pdf (147.07KB)
Schaufenster_NF#6_03_22
Beschreibung des Schaufensters NF6 03/2022
Schaufenster_NF#6_3_22.pdf (147.07KB)

TANTE ELSES KOFFFER

Autor: Uwe Schellinger

Abb. Archivalie_NF#6_3_22 Koffer von Else Liefmann Koffer von Else Liefmann mit einem darauf klebenden Papier, was die Aufschrift 'Material für die wissenschaftliche Arbeit über Handabdrücke' trägt (Archiv des IGPP, Bestand 10/20).

Die Kinder- und Sportärztin Dr. Dr. Else Liefmann (1881-1970) gilt als eine der bemerkenswertesten Frauen der Freiburger Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert. Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin mit eigener Praxis engagierte sie sich in der Weimarer Republik als Stadtverordnete der Deutschen Demokratisch Partei und war in vielfältiger Weise für die Organisation und die Belange von Ärztinnen und Akademikerinnen aktiv. Seit 2000 in Freiburg-Weingarten ein Platz nach ihr benannt. Im Jahr 2003 eröffnete man das Liefmann-Haus in der Goethestraße als Gästehaus der Universität Freiburg.

Else Liefmann stand in einer besonderen Beziehung zur Familie von Hans Bender, dem Gründer des IGPP. Sie war die beste Freundin von dessen Mutter Alice Bender-Hartlaub. Bender war der Patensohn von Else Liefmann, die ihn ihren "Göttibub" nannte. Sie selbst war für Bender einfach die "Tante Else".

Porträt von Else Liefmann unbekannter Herkunft Abb. 1b Dr. Dr. Else Liefmann (1881-1970), Reproduktion, unbekannte*r Fotograf*in (Archiv des IGPP).

In den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur verliefen ihre Lebensweg dann völlig unterschiedlich: Während Hans Bender eine universitäre Karriere bis hin zum Professorentitel einschlagen konnte, bedeutete der Machtantritt der Nationalsozialisten für seine Patentante einen gravierenden biographischen Einschnitt. Aufgrund der jüdischen Herkunft ihrer Eltern, die zum Protestantismus konvertiert waren, geriet Else Liefmann ebenso wie ihre Geschwister Martha und Robert in den Fokus der nationalsozialistischen Rassepolitik. Im Oktober 1940 wurden die Geschwister Liefmann zusammen mit fast allen Jüdinnen und Juden Freiburgs in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Ihr Elternhaus sowie ihr zurückgelassener Besitz wurden danach "arisiert".

Else Liefmann gelang 1942 die Flucht aus Frankreich in die Schweiz. Fortan in Zürich lebend, konnte sie sich in den folgenden Jahren aber nur mit Mühe und Wasser halten. Man hatte ihr 1938 die Approbation entzogen und die wissenschaftliche Laufbahn war abgebrochen worden.

1960 besuchte sie Freiburg ein letztes Mal - zur Beerdigung ihrer besten Freundin Alice Bender-Hartlaub. Mit dem Buch "Helle Lichter auf dunklem Grund" veröffentlichte Else Liefmann zusammen mit Ihrer Schwester Martha im Jahr 1966 einen der ersten Erfahrungsberichte an die Geschehnisse während der NS-Zeit in Freiburg, an das Camp de Gurs an die Flucht.

Cover Buch 'Helle Lichter auf dunklem Grund' von M+E. Liefmann Abb. 2b Martha Liefmann/Else Liefmann: 'Helle Lichter auf dunklem Grund', Bern: Christliches Verlagshaus, 1966 (Archiv des IGPP, 10/20_8).

Else Liefmann wird überwiegend mit ihrem Opferschicksal wahrgenommen und darauf reduziert. Ihre vielfältigen wissenschaftlichen Aktivitäten vor und nach der NS-Zeit sind hingegen so gut wie unbeachtet geblieben. Möglicherweise kann ihr im IGPP aufbewahrter Teilnachlass hier Abhilfe schaffen. Während sich Liefmann in den 20er-Jahren mit Themen aus der Kinderheilkunde und mit der Forschung zu Zwillingen befasste, waren es in den Nachkriegsjahrzenten insbesondere Forschungen zu Handlinien und zur sogenannten Chirologie. Hier, bei diesen unorthodoxen Deutemethoden, ergaben sich Schnittmengen zum Profil des IGPP. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1970 hinterließ sie deshalb ihrem Patensohn Hans Bender Teile ihres Nachlasses. So gelangte auch ein Koffer Else Liefmanns gefüllt mit "Material für Handabdrücke" in das IGPP.

Deckblatt der Zeitschrift 'Der Psychologe. Monatsschrift für Psychologie und Lebensberatung' Abb. 5b Separatum: Else Liefmann: Ist Handlesung (Chirologie) eine Wissenschaft? (Der Psychologe. Monatsschrift für Psychologie und Lebensberatung, 11. Jg., H. 4, 1959) Archiv des IGPP, 10/20_12).

Im IGPP ausgestellte Objekte:

Fotografie: Else Liefmann (1881-1970), unbekannte*r Fotograf*in, Reproduktion

(Archiv des IGPP)

Buch: Martha Liefmann/Else Liefmann: Helle Lichter auf dunklem Grund, Bern: Christliches Verlagshaus, 1966

(Archiv des IGPP, 10/20_8)

Heft mit Handabdrücken (1950er Jahre)

(Archiv des IGPP, 10/20_34)

Metallene Druckvorlagen mit Handabdrücken (1950er Jahre)

(Archiv des IGPP, 10/20_24)

Separatum: Else Liefmann: Ist Handlesung (Chirologie) eine Wissenschaft? (Der Psychologe. Monatsschrift für Psychologie und Lebensberatung, 11. Jg., H. 4, 1959)

(Archiv des IGPP, 10/20_12)

Koffer von Else Liefmann, 32,5cm x 49,5cm x 12,5cm, Aufschrift "Material für die wissenschaftliche Arbeit über Handabdrücke"

(Archiv des IGPP, Bestand 10/20)

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Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#6_3_22.pdf (61.47KB)
Objekte_NF#6_03_22
Quellennachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Objekte_NF#6_3_22.pdf (61.47KB)

Dem obigen Text liegt die nachfolgende Quelle zugrunde:

https://www.igpp.de/archiv/schaufenster_ins_archiv.htm#tanteelseskoffer

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